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Jochen’s Philippinen Story Teil 6 – 1988

Als die Produktion wieder aufgenommen werden konnte führten wir vom ersten Tag an das Heimarbeits-System ein. Alle Mitarbeiter, die nicht am Streik beteiligt waren, wurden so zu Subunternehmern. Wir hatten die Stückpreise ziemlich großzügig kalkuliert. Das führte in den meisten Fällen zu einem drastischen Anstieg der Einkommen, zumal einige der Subunternehmer wiederum eigenes Personal einstellten, teilweise sogar Streiker. Aber das war nicht mehr unser Problem. Wir boten den Subunternehmern an, sie SSS zu versichern, wenn sie die Hälfte der Beiträge zahlen. Darauf ist allerdings kaum einer eingegangen.

Auf diese Weise sanken die Produktionskosten dramatisch, weit stärker als gedacht. Wahrscheinlich wurde vor dem Streik höchstens eine Stunde pro Tag effektiv gearbeitet. Trotzdem hatten wir keine Chance gegen die Chinesen. Die haben dank staatlicher Subventionen zu Preisen exportiert für die wir nicht einmal die Materialkosten decken konnten. Wir hatten also ein echtes Problem.

Wer nun denkt, schlimmer kann es nicht kommen, täuscht sich gewaltig. Etwa 6 Monate nach Wiederaufnahme der Produktion erschien in der TAZ ein halbseitiger Bericht über unser Geschäft in Hamburg und die Vorgänge auf den Philippinen. Selbstverständlich verzichteten die TAZ-Journalisten auf Rückfragen bei mir. Einzige Informationsquelle war die KMU und deren kommunistische Freunde in Europa. In dem Artikel wurde ich sozusagen als der schlimmste Dritte Welt Ausbeuter aller Zeiten hingestellt, wörtlich “An seinen Buddelschiffen klebt Blut”. Meine Hilfsaktivitäten, die ich ja größtenteils aus eigener Tasche finanzierte, wurden als Vertuschungsmanöver meiner kriminellen Geschä#ftsmethoden hingestellt.

Das rief dann einige Tage später eine ca. 30-köpfige Gruppe zumeist junger Leute auf den Plan, die vor dem Laden in Hamburg eine (natürlich unangemeldete) Demonstration abhielten, stundenlang Kunden am betreten hinderten und die Briefkästen des gesamten Stadtteils mit “Informationsmaterial” über den bösartigen kleine Leute Ausbeuter Jochen Binikowski füllten. Selbstverständlich waren Name (Freunde des philippinischen Volkes e.V.) und Adresse (Szene-Kneipe auf St. Pauli) des Verantwortlichen im Sinne des Presserechts Fantasie-Fakes. Na ja, Gutmenschen sind ja per se im Recht und brauchen sich daher auch nicht an Gesetze zu halten.

Diese ganze Aktion führte zu einer weiteren Verschärfung unserer finanziellen Lage. Ich beauftragte nämlich einen Anwalt wegen Gegendarstellung und die wenigen Spender die ich für das Gesundheitsprojekt hatte waren aus der Nachbarschaft und stellten wegen dieser unglaublichen Rufmordkampagne ihre Zahlungen ein, und zwar bis heute. Der Anwalt kostete mich über 1.000 DM. Es kam dann aber zu einem Interview mit der TAZ in der ich die Dinge richtigstellen konnte und das wurde auch als halbseitiger Artikel veröffentlicht. Eine finanzielle Entschädigung bekam ich von diesen berliner Qualitätsjournalisten aber nicht. Auch hielt es keiner der Demonstranten für nötig sich bei mir nach Bekanntwerden der Fakten zu entschuldigen. Die haben einfach wie stinkende Kanalratten den Schwanz eingezogen und sind dorthin abgetaucht wo sie herkamen und auch hingehören, also in die Gosse.

An dieser Stelle möchte ich die philippinische Presse loben. Ich hatte von Anbeginn des Streiks versucht, Journalisten zu informieren. Es gab daraufhin zahlreiche gut recherchierte Presseartikel. Ohne diese Öffentlichkeitsarbeit wäre die Sache vermutlich völlig aus dem Ruder gelaufen, sprich Tote und Verletzte.

So, nun fragt ihr euch vermutlich, wie denn meine Frau und die philippinische Family mit dieser Krisensituation umgegangen sind. Dazu muß ich etwas weit ausholen: 1975 bin ich nach meiner Zeit beim Bund für 5 Monate mit dem Motorrad nach Indien und zurück gefahren. Auf dieser Reise bin ich (vor allem in Afghanistan und Kurdistan) einige male in lebensgefährliche Situationen geraten. Merkwürdigerweise gab es niemals Angst oder Panik, sondern stets war instinktiv der Kopf frei für pragmatische Lösungsmöglichkeiten. Über diese Sache hatte ich lange vor dem Streik oft mit meiner Frau und der Familie diskutiert.

Deshalb haben alle, inklusive mein Schwiegervater, zu mir gesagt: Du hast im Gegensatz zu uns Erfahrung mit kritischen Situationen, nun mach mal und wir folgen dir zu 100%. Das Schiksal der Familie und möglicherweise auch des Barangays lag also wochenlang alleine in meinen Händen. Alles was ich sagte wurde auch ohne Diskussion gemacht. Selbstverständlich habe ich mich vor wichtigen Entscheidungen mit meiner Frau und der Family abgestimmt. Es lief aber fast immer auf ein Abnicken hinaus. Die haben alle bewiesen das sie Nerven wie Drahtseile haben. Ohne diese Erfahrung hätte ich vermutlich mein Engagement auf den Philippinen sofort beendet.

Fortsetzung folgt…

Comments

Comment from Eddy
Time 24. Dezember 2010 at 12:26

Hallo,

Ich wünsche Dir und deiner F amilie ein frohes Weihnachtsfest und das beste Wetter dieses Planeten! ;-)

Hier schneits schon wieder. ;-)

Bis denne
Eddy

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